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Der Chemie-Komponist oder Der Musik- Alchemist

Außergewöhnliche, interessante und faszinierende akustische Werke: Das ist, was der Augsburger Medienmacher Tom Gratza erstellt. Zunächst sah der Lebensweg dieses Mannes ganz anders aus. Er studierte Chemie, entdeckte aber bereits mit 6 Jahren seine Liebe zur Musik. Dabei schließen sich Chemie und Musik keineswegs aus, Naturwissenschaften und Musik sind sich nicht wesensfremd. Er präsentiert seine akustischen Installationen z. B. bei Baustellen oder Kunstausstellungen der Öffentlichkeit.

Das Interesse für Natur und Naturwissenschaften hat dieser Medienmacher, wie viele andere auch, mit seiner Leidenschaft für Musik verbunden. Mit 8 Jahren begann er Klavier zu spielen. Später absolvierte er erfolgreich sein Chemiestudium mit einer Diplomarbeit über helikale organische Makromoleküle. Danach folgte eine zusätzliche Weiterbildung in Jazzharmonie. Nach Jazz- und Kleinkunstprojekten interessierte er sich mehr und mehr für Geräusche, die nicht unbedingt in Form von Musik auftreten müssen. Auch ungewöhnliche Geräusche jenseits von ästhetischen Kriterien menschlicher Hörgewohnheiten führen ein Eigenleben, benötigen keinerlei Legitimation, etwa als Musikbausteine, sondern können in ihrer Vielschichtigkeit Faszination ausüben. Beim Einsatz von Geräuschen „sollte außerdem immer auch eine gewisse Rätselhaftigkeit erhalten bleiben“, findet er.


Geräusche, Stille, Musik und Sprache verbinden sich
Aus verschiedensten Musikrichtungen bedient sich der Musiker, außerdem aus Sprachfragmenten und Geräuschen, Seine technische Ausrüstung umfasst unter anderem Synthesizer, Sampler, Recorder und Mikrofone. Bei Live-Vorführungen kann diese multiple Form auch auf die Bühne gebracht werden, sowohl die Musik, die Texte und sein ganzes Ensemble aus unterschiedlichsten Einzelgeräuschen. Dadaistische oder wissenschaftliche Texte, oder auch z.B. Tiergedichte von Heinz Erhardt, können bei ihm ebenfalls in Audioinstallationen eingebaut sein. Oft tauchen auch spontane Aussprüche von Leuten auf, eingefangen aus Alltagssituationen, wie „Stroßoboh? Wieso romantisch, die is doch ned romantisch“ oder „Des is jetz was wo i net nachvollziehn kann“ oder „ Wo bleibschn?! Jetz habi i do wieder a Fottoalbum kofft wo i normal net braucht hätt.“ oder „Also von dem her kannsch da eigentlich nix sagn.“ Für die Aufnahme von speziellen Einzelgeräuschen legt er auch größere Strecken zurück, um an bestimmte Aufnahmen wie etwa von Holzzahnradgetrieben von Wassermühlen oder anderen technischen Einrichtungen zu kommen. Dabei nützt ihm die jahrelange Erfahrung mit allen möglichen Industrieanlagen und deren Geräuschemissionen. Das Ergebnis sind außergewöhnliche Produktionen.


Multiple akustische Projekte in Augsburg
Den Augsburger Judenberg machte er ebenfalls über nahezu 4 Jahre zu seiner Bühne. Beim Hindurchgehen entlang der abwärts führenden Gasse während der Sanierungsphase konnte der Fußgänger die manchmal überraschenden Text-, Musik-und Geräuschkompositionen des Musikers hören. Die Audioinstallation machte die Baustelle etwas erträglicher, auch oft durch Passagen von Instrumentalmusik z.B. aus den Bereichen Ragtime, Klassik, Chanson, aber während dessen tauchten z. B. kurz Dialoge von Real- und Phantasiepersonen auf. Diese Hörerlebnisse unterschieden sich doch deutlich von gewohnter Werbe-Berieselung. In einer Winter-Installation unterhielten sich dann z. B. ein Eichhörnchen und ein Bär über Unfälle beim Schlittenfahren, dann über die Giftigkeit von Maiglöckchen und Osterglocken. Die Audioinhalte wechselten passend zu der jeweiligen Jahreszeit und auch zur graphischen Gestaltung der Tunnelwände. Autoinstallationen in Kunstausstellungen liefen u. a. auf dem Martini-Gelände und in der Galerie „Die Ecke“ Augsburg. Bei der Kombination der verwendeten Elemente bewegt er sich in der Tradition des französischen Ingenieurs Pierre Schaeffer (Begründer der Musique Concrète: „Konzert der Geräusche“) und John Cage (Integration von Stille, Geräusch, Sprache und Musik). Diese Bestandteile vermitteln streckenweise den Eindruck von Realität, aber auch von inszeniertem Hörspiel, und das Hin- und Herwechseln zwischen beiden macht das Besondere aus.

Keine typischen Klangkunstwerke
Bei den akustischen Produkten von Tom Gratza handelt es sich nicht um typische „Klangkunstwerke“, wie sie bei z.B. bei Klangweltspektakeln, Son-et-Lumière-Veranstaltungen aufgeführt werden. Es geht ihm nicht darum, die Zuhörer in einen wie auch immer gearteten psychischen Zustand zu versetzen, der im übrigen so oder ähnlich vielleicht auch mit chemischen Substanzen (wie z.B. Drogen) erzielt werden könnte. Begriffe wie magische Sphärenklänge, berauschende Klangerlebnisse sind also hier nicht relevant. Audio-Events von Tom Gratza sind auch nicht der Kategorie „Heilung durch Klänge bzw. Schwingungen“ zuzuordnen, von ihnen gehen keine heilenden Kräfte aus, sie haben auch keine Entspannungs- oder Wellnessfunktion. Dies ist auch nicht beabsichtigt. Dementsprechend wird hier auch nicht unterschieden zwischen natürlich entstandenen „guten“ Geräuschen und elektronisch erzeugten „negativen“ Geräuschen. Im Sinne der Eklektik kann jedes geeignete Element zum Einsatz kommen. Die Installationen sind im Gegensatz dazu allerdings informationshaltig.

Vergangenheit und Zukunft
Mit seinen Audioinstallationen möchte er Geschichten erzählen. Dabei kann ein Blick in die Zukunft gewagt werden, wie bei der Baustelle für den in einigen Jahren fertig gestellten Augsburger Hauptbahnhof. Geräusche aus der Zukunft werden dabei in die Gegenwart transportiert durch eine akustische Installation dieses Medienmachers. Möglich ist auch ein sehr realistischer Rückblick in die Vergangenheit, wie bei den Augsburger Wassertürmen. Wie eine solche Wasserförderungsanlage vor Jahrhunderten geklungen hat, lässt der Künstler mit seinen Audio-Vorführungen wieder aufleben.

Medien im Alltag und der Alltag in den Medien
Sein Medium ist eher ungewöhnlich, es sind zumeist Audioinstallationen in Baustellen, die die Leute ansprechen, unterhalten und überraschen sollen sodass die lärmigen und staubigen Baustellen – von denen Augsburg nicht zu wenige hat – etwas in den Hintergrund treten. Mit verschiedenen Mikrofonen und Samplern, kreiert der Musiker seine „Stücke“. Medien haben für ihn persönlich einen sehr hohen Stellenwert. Zum einen bedient er sich aus den unterschiedlichsten Medien, d. h. Musik und auch Literatur sind sozusagen sein Werkzeugkasten. Zugleich betont dieser Medienschaffende auch, dass wir alle das Produkt der Medien sind: Mit der Musik, die wir hören, den Sendungen, die wir anschauen, den Artikeln, die wir lesen etc. und auf Basis dieser sich ständig ändernden bzw. erweiternden Konstellation findet kreatives Schaffen statt.


Kreativität vs. Realität?
Kreativität bedeutet für ihn nicht nur Schönheit, Reinheit, vollendete Perfekte, das Störungsfreie. Kreatives kann durchaus auch reales, ungewohntes oder z.B. auch gerade das Störgeräusch sein. In dem Augsburger Atelier „stein – konkret“ ist aktuell eine Geräusch-Montage des Künstlers zu hören, die genau aus den einzelnen Arbeitsgeräuschen der beiden Bildhauer besteht. In diesem Fall gibt es also nur Geräusche, sonst nichts. Andere Installationen bestehen zu weiten Teilen aus Sprachfragmenten befragter Personen, im Stil von Interviews. Der kreative Akt besteht demnach in der Eklektik, der Auswahl und Anordnung der Elemente aus mehreren Stilrichtungen, die „schön“ im normalen Sinn sein können, aber auch real und somit unabhängig von ästhetischen Anforderungen. Bei seinen Installationen im öffentlichen Raum achtet der Schaffende jedoch darauf, dass er niemanden damit belästigt. „ganz wichtig ist, nicht zu langweilen und keine Belästigung zu erzeugen, etwas durch überzogene Lautstärke, Wiederholungen oder hervorstechende, signalhafte, nervende Töne“, so der Audioinstallateur. Schließlich werden öffentliche Straßen nicht immer so freiwillig aufgesucht wie Museen oder Galerien.

Von der Chemie zur Musik und umgekehrt
Für ihn passen Chemie und Musik also gut zusammen und gerade das unterscheidet ihn von anderen Künstlern. Er tritt auch mit Live-Projekten in größerem Umkreis auf , im September 2017 fand eine Live-Performance in Strasbourg statt . Für ihn gilt: „Die Wirkung der musikalischen Harmonien und Melodien, auch der Sprach-Melodien liegt tiefer und wirkt unmittelbarer als der Informationsinhalt des gesprochenen Wortes. „Würde z. B. lustige Musik ertönen, wenn jemand über einen tragischen Unglücksfall redet, oder würde er dies in einem lustigen Tonfall erzählen. So würde man sich zunächst auf die (in diesem Fall falsch-positive) Aussage der Musik verlassen“.

Von Alexandra Hetmann
Bildmaterial: Copyright tom-gratza.de