Judith Zacher ist seit zehn Jahren Korrespondentin beim BR für die Landkreise Dillingen und Donau-Ries. Ihr Lieblingsmedium ist der Hörfunk, dort spielt sie mit Worten, Tönen und Musik und erzählt damit „Geschichten aus ihrer Heimat“. Was heimelig und idyllisch klingt, zeigt bei näherem Hinschauen auch Grauenhaftes. Wie die Misshandlungen, die sich im Donauwörther Kinderheim „Heilig Kreuz“ in den 1960er und 70er Jahren zugetragen haben. Für diese Berichterstattung ist Judith Zacher nun für den Augsburger Medienpreis in der Kategorie WORT nominiert.

Leidenschaft Radio

Die Leidenschaft für den Hörfunk entdeckte Judith Zacher während ihrer Praktika bei Radio Fantasy in Augsburg und Hitradio RT1 Nordschwaben, bevor Sie Ihr Journalismus-Studium an der Uni Eichstätt absolvierte. Damals packte sie die Leidenschaft fürs Radio. Mittlerweile arbeitet sie als trimediale Reporterin und erzählt ihre Geschichten in Wort, Ton und Bild – auch fürs Fernsehen. Das Internet sieht sie dabei als große Chance: Einerseits, weil es die Kombination verschiedener Ausdrucksweisen ermöglicht, andererseits, weil es den Zugang zu verschiedenen Zielgruppen öffnet.

Vertrauen ist die Grundlage

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Als BR-Reporterin berichtet Judith Zacher über verschiedenste Geschichten und Menschen aus der Heimat. (Bild: © Markus Konvalin / BR)

Als wichtige Voraussetzung für ihre Arbeit sieht Judith Zacher die Fähigkeit, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Gleichzeitig ist es auch das Vertrauen der Menschen, das die Arbeit als Journalistin so spannend macht. Wenn es gelingt, dass Menschen sich öffnen, dann ist eine gute Geschichte schon fast garantiert. Dass Judith Zacher durch ihre offene Art auf Menschen zuzugehen dieses Vertrauen oftmals gewinnen kann, zeigte sich auch in ihrer Berichterstattung über Missbrauchsfälle im Donauwörther Kinderheim Heilig Kreuz.

Zwei Schwestern brechen gegenüber Judith Zacher ihr Schweigen

Zwei Schwestern, die von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre dort untergebracht waren, haben ihr Schweigen gebrochen und von den Misshandlungen im Kinderheim erzählt. Was sie schildern, klingt wie ein Albtraum: Sie sollten vor ihrem prügelndem Vater geschützt werden – und kamen nur in neuerliche Gewalt. Der Heimleiter Max Auer, ein Priester des Bistums Augsburg, schlug die Kinder mit dem Rohrstock. Auch die weltlichen Erzieherinnen quälten die Kinder mit willkürlichen Strafen – andere schauten tatenlos zu. Beim Sportunterricht in der Schule mussten sie Strumpfhosen tragen, damit keiner die Striemen und blauen Flecken sehen konnte. Aber niemand fragte nach, niemand sah die Kinder aus dem Heim wirklich.

Steine kommen ins Rollen

Mittlerweile gibt es einige neue Entwicklungen in dem Fall. Demnach liegen jetzt auch massive Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen den ehemaligen Heimleiter, den verstorbenen Priester Max Auer, vor. Judith Zacher hat hier im BR nach dem runden Tisch, der vom Bistum einberufen wurde und an dem ehemalige Heimkinder teilnahmen, wieder exklusiv berichtet. In der Folge hat der Bischof von Augsburg persönlich eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen und die Aufklärung quasi zur Chefsache erklärt. Im Anschluss soll ein Bericht dazu veröffentlicht werden.

Aus den Augen aus dem Sinn

Besonders frappierend: Es scheint, als hätten die Verantwortlichen alles dafür getan, das Heim aus der Erinnerung der Donauwörther verschwinden zu lassen. Fragt man heute die Menschen in Donauwörth, ob sie wissen, dass in dem späteren Internat ein Kinderheim untergebracht war, verneinen fast alle die Frage. Unterlagen und Fotos existieren kaum noch. Auch im Stadtarchiv sind fast keine Informationen zu finden.

Schuld und Scham

Die Schwestern, die ihr Schweigen gebrochen haben, leiden bis heute unter der Zeit im Heim, wo sie beinahe ihre gesamte Kindheit verbracht haben. Schuld und Scham prägen, wie bei so vielen Missbrauchsopfern, den Umgang mit dieser Zeit. Trotzdem – oder gerade deshalb – war es ihnen ein großes Anliegen, das Schweigen zu durchbrechen. Vom Bistum Augsburg, dem der Heimleiter Max Auer als Priester angehörte, erhielten die beiden eine Entschädigung gemäß der Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz. Öffentlich wurde der Fall jedoch nicht. Die Pädagogische Stiftung Cassianeum bot ein Gespräch an – das aber nicht stattfand, weil die Schwestern sich nicht dazu in der Lage fühlten. Der jetzige Schritt an die Öffentlichkeit hat vielen anderen Opfern Mut gemacht.

Judith Zacher sieht die Berichterstattung über die Vorfälle im Heilig Kreuz Heim deshalb auch als ihren bisher größten journalistischen Erfolg. Weil er vielen Menschen gezeigt hat, dass sie keine Schuld tragen an dem, was damals passierte. Dass sie sich nicht dafür schämen müssen, was andere ihnen angetan haben. Und – weil sie selbst nicht lockergelassen hat.

Autorin: Katja Heumader | FOMACO GmbH

Coverbild: © Markus Konvalin / BR