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Gebrochene Heimatliebe: Ein Allgäuer belebt das Sub-Genre „Regionalkrimi“ neu

Einen Action-Held à la James Bond, der die Bösen mit dem schnellen Auto jagt, kann man den gemütlichen Allgäuer Kommissar Kluftinger wohl kaum nennen. Trotzdem ist er zumindest in Deutschland mittlerweile ebenso bekannt wie der englische Geheimagent. Wochenlang stehen die Bücher des Autorenduos Volker Klüpfel und Michael Kobr auf den Bestsellerlisten. Der erste „Klufti“ mit dem Titel „Milchgeld“ war ein echter Überraschungserfolg. Wochenlang hielt er sich in den Top Ten der Focus- und Spiegel-Bestsellerlisten. Die Allgäu-Krimis gehen millionenfach über den Ladentisch. Denn in den unterhaltsamen Romanen kommt eine Heimatliebe zum Ausdruck, die nie kitischig wird – weil sie im gleichen Atemzug sofort wieder durch Ironie gebrochen wird. Nach dem Erfolg des Allgäuer Ermittlers stellte sich ein regelrechter Boom an Regionalkrimis ein. Doch an das Original reichte keiner heran.

Identifikationsfigur mit Vorliebe für Leberkäse
Volker Klüpfel siedelte die Handlung seiner Krimis in seiner Heimat an, im Allgäuer Dorf Altusried. Die Geschichten sind eingebettet in die sanfte Alpenlandschaft, in der Touristen im Sommer die Bergidylle mit Almwiesen und Kuhglocken genießen, im Winter mit Hüttenzauber und Skihasen Fremde anlocken. Ort, Personen und Handlung der Kluftinger-Romane von Klüpfel und Kobr ergeben ein großes Ganzes, ein Puzzle, aus dem kein Teil entfernt oder ersetzt werden könnte. Denn gerade der Bruch der Idylle durch die Krimi-Handlung und die Tatsache, dass Kommissar Kluftinger eben ein Dorfpolizist mit Leidenschaft für Leberkäse ist und kein genialer Sherlock Holmes oder ein brutaler Action-Held wie Bond, machen den Reiz der Romane aus. Einen Typen wie Kluftinger kennt wohl jeder aus seinem privaten Umfeld – wenn er nicht selbst einer ist.
Genau diese Brüche zwischen Heimatliebe und Idylle auf der einen und Ironie über Landleben und Dorfpolizisten auf der anderen Seite, zwischen Bergpanorama und Mord und Totschlag, zwischen Komödie und Krimi waren auch das Neue, das Unerwartete, das den Erstlingsroman „Milchgeld“ 2006 zum Überraschungserfolg machte und für Volker Klüpfel den Startschuss zu einer hauptberuflichen Autoren-Karriere gab.

Heimatliebe mit Ironie statt Pathos
Volker Klüpfel ist nicht nur durch seine Herkunft, sondern auch durch seine Ausbildung eng mit der Region Bayerisch-Schwaben verbunden. Geboren in Kempten, aufgewachsen in Altusried, begann er seine Karriere als Medienmacher beim Bayerischen Rundfunk. Wechselte dann zur Memminger Zeitung und kam dann endlich in Augsburg an: bei der Augsburger Allgemeinen schrieb er für die überregionale Kulturredaktion. So blickt er immer liebevoll und heimatverbunden auf die Region und das Allgäu; durch seine journalistische Ausbildung und sein Studium sowie als professioneller Autor fehlt es ihm jedoch nicht am ironischen Blick auf alle Klischees, die so gern mit dem ländlichen Süddeutschland verbunden werden. Diese macht er gekonnt zum Thema seiner Romanen.
Heute kann Volker Klüpfel längst von den Kluftinger Romanen, die er zusammen mit Michael Kobr schreibt, leben. Von ihnen und von dem, was das Merchandising Imperium von „Kluftinger Touren“ im Allgäu bis hin zum „Mahlzeit“-Kluftinger-Kochbuch abwirft. Nicht zu vergessen auch: Die Allgäukrimis „Erntedank“, „Milchgeld“, „Seegrund“, „Schutzpatron“ und „Herzblut“ wurden vom Bayerischen Rundfunk mit Herbert Knaup in der Rolle des Kommissar Kluftinger verfilmt. Spätestens jetzt gibt es wohl kaum jemanden mehr in Deutschland, der den sympathisch-behäbigen Kommissar nicht kennt.

Einfachheit in einer komplexen Welt
Mit ihrem Allgäu-Krimi trafen Klüpfel und Kobr einen Nerv. Während die Welt immer komplizierter wird, sehnen sich viele nach Einfachheit. Wo könnten sie die besser finden als in einem verschlafenen Nest am Alpenrand? Oberste Pflicht dabei ist natürlich die Ortskundigkeit des Autors – und die hat Klüpfel als Eingeborener ganz sicher.
Nachdem das Debüt „Milchgeld“ zehntausendfach verkauft wurde, strotzten die Regale in den deutschen Buchhandlungen plötzlich von Morden und anderen Grausamkeiten, die sich in ländlichen Regionen von Usedom bis Altötting ereigneten. Klüpfel und Kobr haben als Medienmacher also nicht nur einen Nerv getroffen und ihre Idee sprachlich und inhaltlich genial umgesetzt, sondern auch noch ein ganzes Subgenre des Kriminalromans begründet: Den Regional- oder Heimatkrimi. Er ist als Konzept zugleich innovativ und traditionell, zugleich lustig und spannend, gleichzeitig klischeebehaftet und ironisch. Viele wollten auf den Zug aufspringen, aber das Original ist eben auch hier einfach am besten. An die „drei K“ Klüpfel, Kobr, Kluftinger aus Bayerisch-Schwaben kommt eben keiner ran.

von Katja Heumader | FOMACO GmbH

Volker Klüpfel, Bildrechte © Heike Huslage-Koch